Kommentar zu zwei Fällen des Missbrauchs unseres Bildmaterials

Im Rahmen unserer Feldarbeit erstellen wir sehr viel Bild- und Videomaterial. Dieses stellt die Basis für die weitere Untersuchung der verschiedenen Verfahren der Schätzung von Teilnehmerzahlen dar und dient auch zur Überprüfung unserer unmittelbaren Schätzungen vor Ort. Im Sinne der Überprüfbarkeit unserer Schätzungen und als Beleg unserer Arbeit vor Ort stellen wir hinreichend viel von diesem Material online.

Wir werden immer wieder für diesen Versuch der Transparenz gelobt und sehen darin auch einen der wesentlichen Gründe für die hohe Akzeptanz unserer Schätzungen, da sich diese so besser nachvollziehen lassen, vielmehr oft sogar eigenständig von jedermann replizieren bzw. reproduzieren lassen (z.B. durch eigenes Auszählen der veröffentlichten Videos, eigenes Abschätzen von Flächen und Dichten etc.).

Gerne geben wir darüber hinaus Zugang zu weiterem Material, solange ein wissenschaftliches oder öffentliches Interesse daran besteht und möglichst kein Missbrauch gewährleistet ist.  Leider beobachten wir jedoch in letzter Zeit, dass unser Material eher für propagandistische Zwecke im Sinne der Irreführung der Öffentlichkeit missbraucht wird, ohne dass wir dies genehmigt hätten oder zumindest als Quelle genannt werden.

Wir möchten hier von zwei besonders dreisten Fälle berichten. Dies geschieht vor allem zum Zwecke der Richtigstellung und zur Information der Öffentlichkeit, aber auch zur Dokumentation dieser Vorfälle für weitere Schritte gegen diesen Missbrauch.

Das PEsN-Video

Im Rahmen unserer Teilnehmerschätzung der 3. AfD-Demo am 30.09.2015 in Erfurt, erstellten wir folgendes Auswertevideo, welches wir auf Youtube zur Verfügung stellten.

Auf Basis dieses Videos, der direkten Zählung vor Ort und der Auswertung eines Panoramabildes kamen wir zu einer abschließenden Schätzung von 3500 bis 3800.

Auf Facebook fanden wir kurze Zeit später unser Video auf der Seite der Gruppe "Patriotische Europäer sagen Nein" (PEsN) wieder, zusätzlich unterlegt mit Musik und verschiedenen Untertiteln:

https://www.facebook.com/patriotischeeuropaeersagennein/videos/vb.1542413432676844/1628498400735013/?type=2&theater

Im zugehörigen Beitrag wird das Video unter anderem als Beleg dafür angeführt, dass es sich um mehr als nur 5000 Demonstranten handelt (auch hier abrufbar im Original):

Beitrag der Facebook-Gruppe PEsN - Patriotische Europäer sagen "Nein" Screenshot: Facebook
Die Fälschung der Facebook-Gruppe "Anonymous. Kollektiv"

Auch im Rahmen unserer Arbeit im Umfeld der 5. AfD und deren Gegenprotest am 21.10.2015 in Erfurt kam es zum Missbrauch unseres Bildmaterials.

Seit einiger Zeit geben wir unmittelbare Schätzungen vor Ort bekannt, da wir so insbesondere den Behörden und der Presse aufzeigen wollen, dass es mit vertretbarem Aufwand durchaus möglich ist, sichere wenn auch sehr breite, Intervalle für unmittelbare Schätzungen für die Teilnehmerzahl bei  Demonstrationen zu gewinnen. Basierend auf einer Flächenschätzung gaben wir eine erste Schätzung ab:

Um einen guten Eindruck über die Menschenmenge zu vermitteln, unterlegten wir unsere tweets häufig mit Bildmaterial. In diesem Falle verwendeten wir dazu die beiden folgenden Bilder.

Das erste Bild zeigt die Menschenmenge, welche den Dom mittels Taschenlampen und Handydisplay erleuchten soll und belegt zugleich unsere Flächenschätzung von etwa 3500 Quadratmeter:

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Überblicksbild der Kundgebung der 5.AfD-Demo auf dem Domplatz gegen 20:03 Bild: Stephan Poppe

Das zweite Bild teigt die tatsächliche Menschenmenge und zeigt gut unser geschätzte mittlere Dichte von 1.2 bis 1.5 Personen pro Quadratmeter auf:

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Überblicksbild der Kundgebung der 5.AfD-Demo auf dem Domplatz gegen 20:13 Bild: Stephan Poppe

Im Nachgang zur Demo wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass eine Version des letzteren Bildes im Netz kursiert,  welches aus einem Beitrag der Facebook-Gruppe "Anonymous.Kollektiv" stammt, welcher aber zwischenzeitlich gelöscht wurde, sich aber hier im Web-Cache von Google aufrufen lässt:

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Beitrag der Facebookgruppe "Anonymous.Kollektiv" vom 21.Oktober 2015, gepostet in etwa gegen 21 bis 22 Uhr. Screenshot: Facebook

Bemerkung: Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei der Facebook-Gruppe "Anonymous.Kollektiv" möglicherweise nicht um eine Gruppe der Netz-Aktivisten des "Anonymous"-Phänomen handelt.

Vor der Löschung des Beitrag gelang uns noch eine Sicherung des Bildes:

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Beitragsbild aus dem obigen FB-Beitrag der Facebook-Gruppe "Anonymous.Kollektiv"

Ein direkter Vergleich lässt erkennen, dass dieses Bild einen Auschnitt unseres Originalbildes zeigt, jedoch nachbearbeitet wurde. Offensichtlich wurden dazu im unteren und linken Bildbereich größere Menschenmengen aus dem mittleren Bildbereich hineinkopiert.

Verschiedene Blogs bzw. FB-Gruppen griffen diese dreiste Fälschung auf und entlarvten sie als solche. Insbesondere dieser Post zeigt die verschiedenen Duplikationen:

https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1099176210100688&id=985863644765279

Zu den weiteren möglichen Hintergründen der Facebook-Gruppe "Anonymous.Kollektiv" sei auch auf den Blogartikel von Kraftfuttermischwerk verwiesen.

Wir möchten uns prinzipiell nicht an weiteren Spekulationen über die möglichen Gründe für diese Fälschungsaktionen beteiligen, sehen hier aber eine deutliche Täuschung der Leserschaft der Gruppe am Werke. Im Beitrag wird dann z.b. auch von einer eingenommen Fläche von 35000 anstelle von 3500 Quadratmetern gesprochen, woraus sich eine vermeintliche Schätzung von 20000 bis 25000 Personen ergibt.

Nach Löschung des Orignal-Beitrags tauchte nun ein neuer Beitrag auf, welcher nun von 10000 bis 15000 Teilnehmern spricht (Text zum Video hier abrufbar):

https://www.facebook.com/Anonymous.Kollektiv/videos/vb.271619909551143/987712837941843/?type=2&theater

 

Wichtiger erscheint uns aber zu betonen, dass wir uns gegen jedwede Instrumentalisierung unseres Materials zur Konstruktion eines gewünschten Faktes sperren, und dagegen, dass unser Material ohne Nennung der Quelle verwendet wird. Auch erscheint es uns als fair zu erwarten, dass bei Verwendung unseres Materials auch unsere ursprüngliche Schätzung mitberichtet wird, insbesondere wenn diese kontrovers erscheint.

Wir scheuen keine Kontroverse über die vielen methodischen Probleme der Schätzung von Teilnehmerzählungen und sind gerne bereit, uns einer sachlich orientierten Diskussion zu stellen. Auch stellen wir neben dem veröffentlichten Material gerne weiteres Material bereit, solange dies der Klärung von Sachfragen dient.

Wird aber unser Versuch der Transparenz durch die Veröffentlichung von Material durch Missbrauch dieser Belege unterminiert, werden wir uns weitere Schritte gegen dieses Fehlverhalten vorbehalten.

 

7 Gedanken zu „Kommentar zu zwei Fällen des Missbrauchs unseres Bildmaterials

  1. Das im Text gezeigte ist *nicht* Anonymous, sondern die FB-Seite "Anonymous. Kollektiv", welche den Namen "Anonymous" für Nazi-Prooaganda missbraucht. Ich halte es für angebracht, das im Text zu deutlich zu machen (mindestens durch einen erklärenden Absatz und konsequente Verwendung der vollen Bezeichnung "Anonymous. Kollektiv"), da dieser Fakt noch nicht jedem bekannt ist und außerdem die Seite durch Kapern einer echten Anon-Seite und Aussperren der Admins entstand.

    1. Danke für den Hinweis. Ja, wir wissen um diese Spekulationen bzw. Vermutungen. Wir verweisen im Kommentar auch auf einen Blogartikel dazu.

      Falls Sie aber gesicherte Belege über Hintergründe haben, würden wir den Artikel um diese Quellen ergänzen.

      Wir nehmen aber Ihre berechtigte Kritik bzgl. "Anonymous. Kollektiv" auf und ändern alles konsequent dahingehend ab.

  2. Haben Sie bereits darüber nachgedacht, ihr Material mit eindeutigem Wasserzeichen zu versehen? Das könnte bei gleichbleibender Transparenz vielleicht einfacherem Missbrauch vorbeugen, eine bloßer Appell ist in den anonymen Weiten des Internet mMn illusorisch.
    MfG und Hochachtung für ihre Arbeit,

    Lorenz Meyer

    1. Ja, aber wir twittern ja auch direkt vor Ort und müssen schaun, wie man dies technisch bewerkstelligen kann. Wer werden aber in Zukunft über eine CC-Lizenz für unser Material nachdenken, sodass wir gegen solchen Missbrauch vorgehen können.

  3. Könnte man nicht einfach die Verfahren dahingehend erweitern, dass man auch Funkzellendaten hinzuzieht?
    99% der Leute gehen doch ohne Smartphone nicht aus dem Haus - wenn ihr die Funkzellendaten irgendwie zur weiteren Anreicherung hinzuziehen könntet, hättet ihr vermutlich ein noch akurateres Bild?
    (Klar: in den umliegenden Häusern sitzen auch Leute mit Smartphones - dsa wäre eine gewisse Unschärfe)
    Da aber teilweise die Funkzellen je nach Stadt relativ klein/kompakt sind, könnte das doch funktionieren?

    Grüße

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